03.01.2025 - Nachruf Prof. Dr. Dr. h. c. Richard B. Hays
Fachbereich Evangelische Theologie trauert um Prof. Dr. Dr. h. c. Richard B. Hays
Am 3. Januar 2025 ist Prof. Dr. Dr.h.c. Richard B. Hays nach langer schwerer Krankheit im Alter von 76 Jahren gestorben. Mit ihm verliert der Fachbereich Evangelische Theologie der Goethe-Universität Frankfurt einen international hoch geschätzten Exegeten, einen engagierten Theologen, einen beliebten und erfolgreichen Lehrer und einen weisen Kollegen. Am 18. Juni 2009 verlieh ihm der Fachbereich Evangelische Theologie die Ehrendoktorwürde, die auch die intensive und produktive Zusammenarbeit von Prof. Hays mit der Frankfurter Professur für Neues Testament untermauerte, wovon gemeinsam organisierte Konferenzen in Frankfurt a.m. und in Durham, NC, sowie mehrere gemeinsame Publikationen zeugen. Seine Vorlesung im Rahmen der Feierlichkeiten in Frankfurt wurde zusammen mit einer Laudatio von Prof. Jens Herzer publiziert, die wichtige Einblicke in das Werk von Richard Hays eröffnet (Stefan Alkier, Richard B. Hays, Kanon und Intertextualität, Frankfurt a.M. 2010)
Hays hat von 1966-1970 Literaturwissenschaften als Undergraduate an der Yale University mit dem Schwerpunkt Englische Literatur studiert und hier sein gleichermaßen methodisches wie kreatives Gespür für den Text als generative Ganzheit entwickelt und im Rahmen des dort gelehrten New Criticism die Kunst des close readings erlernt, die ihr besonderes Augenmerk auf das Zusammenspiel semantischer, syntaktischer und rhetorischer Textelemente zur Erschaffung eines Textganzen legte. Das Manifest des Yale Professors William K. Wimsatt The Intentional Fallacy, und Cleanth Brooks’s Buch The Well Wrought Urn: Studies in the Structure of Poetry legten für dieses Textverständnis die literaturtheoretischen Grundlagen auch von Hays.
Mit dieser literaturwissenschaftlichen Bildung las Hays in seinem anschließenden Theologiestudium Werke deutschsprachiger historisch-kritischer Exegese, deren historisches Interesse Hays grundsätzlich wertschätzte. Ihren Fokus aber auf dem entwicklungsgeschichtlichen Nachzeichnen der Entstehung der Texte und der Suche nach einem vermeintlichen „hinter“ dem Text lehnte er ab, da damit die literaturwissenschaftliche und auch die theologische Wertschätzung der gegeben Texte und ihres aufmerksamen close readings weitgehend verlorenging. Hays studierte Theologie dann ebenfalls in Yale und war besonders von der fachkritischen Perspektive Nils Alstrup Dahls beeindruckt. Nach seinem Master wechselte er an die Emory University, Atlanta, um dort seine Dissertation auszuarbeiten. Sein wichtigster Lehrer dort war Leander Keck, dem besonders die theologische Interpretation biblischer Texte am Herzen lag.
In seiner Dissertationsschrift The Faith of Jesus Christ. The Narrative Substructure of Galatians 3:1-4:11 brachte Hays seine literaturwissenschaftlichen Kompetenzen und seine theologischen Interessen an biblischen Texten zusammen und entwarf eine narratologische Analyse des Galaterbriefs nicht nur als alternative zur protestantisch-dogmatischen Auffassung, das Zentrum paulinischer Theologie bilde eine Rechtfertigungslehre, sondern zur begrifflich-dogmatisch orientierten Paulusexegese überhaupt. Schon hier wurden ihm die Bezüge zur alttestamentlichen Literatur wichtig.
Nach seinem Ph.D. in New Testament Studies an der Emory University wurde er 1981 Assistant Professor an der Yale Divinity School, wo er 1989 eine Festanstellung erhielt. 1991 wechselte er nach Durham, NC, an die Duke Divinity School. Dort wurde er 2002 nach der Emeritierung von D. Moody Smith George Washington Ivey Professor of New Testament. Einige Jahre stand er der Duke Divinity School als Dekan vor.
Seinen Ansatz der Dissertationsschrift baute er mit seiner Hinwendung zur Intertextualitätstheorie bahnbrechend aus. Sein 1989 erschienenes und dann epochemachendes Werk Echoes of Scripture in the Letters of Paul stellte einen hermeneutischen Paradigmenwechsel in der Paulusforschung dar. Er beteiligte sich nicht an der höchst hypothetischen Rekonstruktion der Produktionssituationen der Briefe des Paulus, sondern las sie als literarische Texte, die maßgeblich von den komplexen intertextuellen Beziehungen zwischen dem von Paulus verkündeten Evangelium und den Schriften Israels bestimmt wurden. Hays überwand damit zugleich die Alternative von synchron oder diachron, da seine intertextuelle Analyse Einblicke in einen historischen Diskurs der Schriftrezeption gab. Sein Ansatz war nämlich nicht von poststrukturalistischer Intertextualitätstheorie im Zeichen von Julia Kristeva geprägt, sondern von dem Schriftsteller und Literaturtheoretiker John Hollander. Dessen Buch The Figure of Echo. A Mode of Allusion in Milton and After, stand Pate für den theoretischen Ansatz von Hays und auch für seine Titelwahl. Auch seine Grundüberzeugung, Intertextualität sei von der rhetorischen Figur der Metalepse aus zu fassen, entnahm Hays aus Hollanders Buch. Mit seinem Buch Echoes of Scripture zog die Intertextualitätsforschung nachhaltig in die Exegese ein.
Wie sehr Hays aber auch an gelebter christlicher Praxis interessiert war, zeigt sein Buch The Moral Vision, indem er versuchte, aus biblischen Schriften Lebensorientierung für die Gegenwart zu finden. Neben vorsichtigen kapitalismuskritischen Impulsen finden sich auch sensible konservative sexualitätsethische Überlegungen, die von fundamentalistischen Kreisen einseitig und ohne ihre hermeneutische Einbettung in die Gedankengänge des Buches zu berücksichtigen, benutzt wurden. In seiner letzten Veröffentlichung, The Widening of God’s Mercy: Sexuality Within the Biblical Story, die Hays zusammen mit seinem Sohn Christopher, einem Alttestamentler, verfasste, zeigt sich Hays als selbstkritischer Autor, stellte vieles klar und revidierte auch einige Formulierungen seines Buches Moral Vision.
Schon stark von seiner Krankheit gezeichnet, verfasste er sein Buch Echoes of Scripture in the Gospels, in dem er sich auch ausdrücklich der Mimesis-Theorie Auerbachs zuwandte. Unter der großen Ungewissheit, wie seine Krankheit verlaufen würde, schrieb Hays dieses Buch in Eile, um zumindest skizzenartig seine jahrzehntelangen Studien zur Intertextualität der kanonischen Evangelien der Öffentlichkeit vorzulegen. Auch dieses Buch zeigt einen von seinem Forschungsgegenstand zutiefst beeindruckten Exegeten und Theologen.
In einem noch unpublizierten Interview, das der Frankfurter Neutestamentler Stefan Alkier mit Richard B. Hays im November 2022 führte, sprach Richard Hays über seine Vision einer zukünftigen intertextuellen Bibelinterpretation: „[…] one of the reasons that Christians and Jews differ about many things is that we are operating with different canons which create different intertextual relationships. Once we get clear about that, there’s some greater hope of progress towards mutual understanding. I guess if I had to speculate or prescribe what I hope might happen, it would be that intertextuality would help us to become broader and more sympathetic people. It would help us to become readers who could understand possible ways of bridging different traditions.“
